Stell dir eine ganz normale Autowaschanlage vor. An der Kasse bekommst du eine Stempelkarte. Voll heißt: eine Wäsche gratis. Manche Kunden bekommen eine Karte mit acht leeren Feldern. Andere bekommen eine Karte mit zehn Feldern, von denen aber schon zwei abgestempelt sind, einfach so, geschenkt. Rechne nach: Beide Gruppen müssen exakt acht Mal zahlen, bis die Belohnung kommt. Der Aufwand ist identisch. Trotzdem verhalten sich die beiden Gruppen völlig unterschiedlich, und genau das macht diesen Effekt für deine Arbeit so spannend.
Die Marketingforscher Joseph Nunes und Xavier Drèze haben dieses Experiment 2006 wirklich durchgeführt und im Journal of Consumer Research veröffentlicht. Über neun Monate beobachteten sie, wer seine Karte tatsächlich vollmachte. Bei der leeren Acht-Felder-Karte schafften es 19 Prozent. Bei der Zehn-Felder-Karte mit den zwei geschenkten Stempeln waren es 34 Prozent. Fast die doppelte Abschlussquote, obwohl beide Gruppen exakt gleich oft zur Waschanlage fahren mussten. Der Vorsprung war reine Kopfsache, und er wirkte.
Warum zieht ein geschenkter Vorsprung so stark? Weil dein Kopf nicht in absoluten Zahlen denkt, sondern in Anteilen. Eine leere Acht-Felder-Karte fühlt sich an wie ganz am Anfang, weit weg vom Ziel. Eine Karte, auf der schon zwei von zehn Feldern voll sind, fühlt sich an wie zwanzig Prozent geschafft. Du bist nicht mehr bei null, du hast schon etwas, das du nicht verlieren willst. Je näher das Ziel rückt, desto mehr Gas gibst du. Die Forscher fanden sogar, dass die geschenkte Gruppe ihre Karten am Ende schneller vollmachte. Der Vorsprung beschleunigt zusätzlich.
Das Wichtigste an dem Effekt: Der Vorsprung muss sich verdient anfühlen, nicht beliebig. Bekamen die Kunden die zwei Stempel mit einer Begründung, etwa als Dankeschön für etwas, wirkte der Schub deutlich stärker, als wenn die Stempel einfach so dastanden. Ein Vorsprung, den jeder geschenkt bekommt, ohne Grund, motiviert kaum. Ein Vorsprung, der wie ein erster kleiner Erfolg wirkt, entfacht das Dranbleiben. Diese Unterscheidung ist für die Praxis entscheidend, sonst verpufft die Sache.
Kurze Challenge
In der Autowasch-Studie von Nunes und Drèze: Wie viel Prozent der Kunden mit der Karte, auf der zwei Felder schon geschenkt abgestempelt waren, machten ihre Karte über neun Monate voll?
In einem Feldexperiment an einer Autowaschanlage über neun Monate machten 19 Prozent der Kunden mit einer leeren Acht-Felder-Karte ihre Karte voll. Mit einer Zehn-Felder-Karte, auf der bereits zwei Felder geschenkt abgestempelt waren, waren es 34 Prozent, obwohl beide Gruppen exakt gleich oft zahlen mussten. Der künstliche Vorsprung nahezu verdoppelte die Abschlussquote.
Quelle: Nunes, J. C., & Drèze, X. (2006), Journal of Consumer Research 32(4), 504-512Für deine eigenen Ziele heißt das: Fang nie bei null an. Wenn du dir vornimmst, an einem Tag fünfzig Haustüren zu klopfen oder zwanzig Kontaktdaten aufzunehmen, dann zerleg das Ziel in Etappen und gönn dir einen sichtbaren Startvorsprung. Trag die ersten zwei oder drei Kontakte ein, die du ohnehin schon hast, oder rechne den Termin von heute Morgen mit. Plötzlich stehst du nicht mehr vor einer leeren Liste, sondern vor einer, auf der schon etwas läuft. Dieser kleine Vorsprung macht den Unterschied zwischen aufschieben und loslegen.
Genauso funktioniert es mit den Menschen, mit denen du arbeitest. Du nimmst im Vertrieb Kontaktdaten auf, du verkaufst nichts. Wenn du jemandem ein Programm, eine Checkliste oder ein nächstes Schritt-für-Schritt vorlegst, dann lass die Person nicht bei null starten. Hak gemeinsam den ersten Punkt ab, der eigentlich schon erledigt ist, etwa das erste Gespräch, das ihr gerade führt. Wer das Gefühl hat, schon einen Schritt weiter zu sein als andere, bleibt eher dabei. Ein kleiner Startvorsprung bindet stärker als jedes Versprechen am Ende.
Der Effekt ist kein Trick, der die Leute übers Ohr haut, sondern eine ehrliche Hilfe gegen den schwersten Moment jeder Sache: den Anfang. Bei null loszulegen kostet die meiste Überwindung, das gilt für dich genauso wie für jeden, mit dem du zu tun hast. Wer den ersten Schritt schon hinter sich sieht, denkt nicht mehr ans Aufhören, sondern ans Fertigmachen. Wenn du also das nächste Mal vor einem Ziel oder einer leeren Liste stehst, frag dich nur eins: Wo ist mein geschenkter Stempel? Dann setz ihn und leg los.

Buch zum Thema
Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun
Charles Duhigg
Duhigg zeigt anschaulich, wie kleine Anstöße und sichtbare Fortschritte Verhalten dauerhaft in Gang halten, genau die Mechanik hinter dem geschenkten Vorsprung.
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