Stell dir vor, du sollst ein Abo wählen. Online für 59 Euro oder Print plus Online für 125 Euro. Viele schwanken, eine klare Mehrheit nimmt am Ende das günstige Online-Abo. Jetzt kommt eine dritte Option dazu: Print allein, ebenfalls für 125 Euro. Diese Option ist offensichtlich schlechter, denn fürs gleiche Geld bekommst du beim Kombi-Abo Print und Online. Niemand wählt sie. Und trotzdem verschiebt sich auf einmal die ganze Wahl der anderen. Das teure Kombi-Abo, das vorher kaum jemand wollte, wird plötzlich zum Favoriten.
Dieses Muster hat einen Namen, und es ist seriös belegt. Joel Huber, John Payne und Christopher Puto haben es 1982 im Journal of Consumer Research zum ersten Mal sauber gezeigt. Sie nannten es asymmetrische Dominanz, heute kennt man es eher als Decoy-Effekt oder Köder-Effekt. Die Idee dahinter klingt fast zu simpel: Du fügst einer Auswahl eine dritte Option hinzu, die einer der beiden bestehenden klar unterlegen ist, der anderen aber nicht. Dieser Köder wird selbst kaum gewählt. Aber er lässt die Option, der er ähnelt und gegenüber er schlechter ist, auf einmal viel attraktiver aussehen.
Die Zahlen aus der Studie sind eindeutig. Über sechs verschiedene Produktkategorien hinweg, von Autos über Restaurants und Bier bis zu Lotterien, Filmen und Fernsehern, stieg der Anteil der gewünschten Zieloption um durchschnittlich 9,2 Prozentpunkte, sobald der Köder dazukam. Das verletzt eine Grundannahme, die lange als selbstverständlich galt: dass eine zusätzliche, schlechtere Option den Anteil der bestehenden Optionen niemals erhöhen kann. Genau das passiert hier aber. Eine Option, die niemand will, macht eine andere Option stärker.
Warum funktioniert das? Menschen tun sich schwer, zwei Dinge absolut zu bewerten. Was ist 59 Euro für ein Abo wirklich wert? Das weiß kaum jemand. Deshalb vergleichen wir lieber relativ. Wir suchen nach einem Angebot, das eindeutig besser ist als ein anderes, weil sich das wie eine sichere, kluge Entscheidung anfühlt. Der Köder liefert genau dieses Gefühl. Er gibt der Zieloption einen klaren Gegner, gegen den sie offensichtlich gewinnt. Plötzlich entscheidest du nicht mehr zwischen günstig und teuer, sondern zwischen einem klaren Gewinner und einem klaren Verlierer.
Kurze Challenge
Um wie viele Prozentpunkte stieg in der Studie von Huber, Payne und Puto der Anteil der Zieloption im Schnitt, sobald ein dominierter Köder dazukam?
Huber, Payne und Puto zeigten, dass das Hinzufügen einer asymmetrisch dominierten Option (eines Köders) den Anteil der dominierenden Zieloption über sechs Produktkategorien hinweg um durchschnittlich 9,2 Prozentpunkte erhöhte und damit die Regularitätsannahme verletzte, nach der eine zusätzliche Option den Anteil bestehender Optionen nie steigern dürfte.
Quelle: Huber, J., Payne, J. W., & Puto, C. (1982), Journal of Consumer Research 9(1), 90-98Für dich im Vertrieb steckt darin ein nützliches und ehrliches Werkzeug. Du verkaufst beim ersten Kontakt nichts, du nimmst Kontaktdaten auf und sorgst dafür, dass Menschen klar entscheiden können. Wer einem Interessenten nur eine einzige Option vorlegt, zwingt ihn zu einem Ja oder Nein. Wer drei sinnvoll gestaffelte Optionen zeigt, gibt ihm stattdessen die Frage, welche am besten passt. Das ist ein angenehmerer Gesprächsraum. Eine mittlere Variante, die im Vergleich zur teuersten deutlich vernünftiger wirkt, hilft dem Gegenüber, sich sicher zu fühlen, statt sich überrumpelt zu fühlen.
Wichtig ist die Grenze dazwischen. Eine faire Staffelung hilft beim Entscheiden, eine erfundene Schrott-Option, die nur existiert, um Leute zu lenken, ist Manipulation und fliegt früher oder später auf. Vertrauen ist im Vertrieb dein wertvollstes Gut, und ein durchschauter Trick kostet dich genau das. Nutze den Effekt also, um echte Optionen verständlich zu ordnen, nicht um jemanden in etwas zu drängen, das er nicht braucht. Der Unterschied ist simpel: Hilfst du der Entscheidung oder fälschst du sie?
Und es gibt eine zweite Lektion, die fast wichtiger ist: Der Effekt wirkt auch auf dich selbst. Wenn dir jemand drei Angebote hinlegt und eines davon auffällig schlecht ist, halt kurz inne. Frage dich, was du eigentlich brauchst, bevor du fragst, welche Option am besten gegen die anderen aussieht. Wer den Köder erkennt, beißt nicht an. So wirst du nicht nur jemand, der Entscheidungen sauber präsentieren kann, sondern auch jemand, der sich nicht so leicht lenken lässt. Beides macht dich im Verkauf stärker.

Buch zum Thema
Denken hilft zwar, nützt aber nichts: Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen
Dan Ariely
Ariely erklärt anhand des berühmten Economist-Abo-Beispiels anschaulich, wie ein dritter, scheinbar nutzloser Preis unsere Wahl lenkt, und genau das ist der Decoy-Effekt in der Praxis.
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