Stell dir vor, du sitzt in einem Amt und füllst ein Formular aus. Auf der letzten Seite steht eine Frage zur Organspende. In Deutschland ist das Kästchen leer, und wer Spender werden will, muss es aktiv ankreuzen. In Österreich ist es umgekehrt, dort bist du automatisch dabei und müsstest aktiv widersprechen. Dieselbe Frage, derselbe Mensch, dieselbe Werteordnung. Trotzdem entscheiden sich die Menschen völlig anders, nur weil die Voreinstellung eine andere ist. Genau hier beginnt eine der unterschätztesten Kräfte, wenn du Entscheidungen beeinflussen willst.
Die Verhaltensforscher Eric Johnson und Daniel Goldstein haben diesen Effekt 2003 in der Fachzeitschrift Science untersucht und auf einen Begriff gebracht. Sie verglichen Länder, in denen man der Organspende aktiv zustimmen muss, mit Ländern, in denen man automatisch dabei ist und nur aktiv widersprechen kann. Das Ergebnis war so deutlich, dass es bis heute in jedem Lehrbuch der Verhaltensökonomie steht. Es ging nicht um bessere Aufklärung, nicht um Werbung, nicht um Appelle. Es ging einzig um die Frage, was passiert, wenn der Mensch gar nichts tut.
Die Zahlen sind kaum zu glauben. In den Ländern mit aktiver Zustimmung lag die Zustimmung im Schnitt bei rund 15 Prozent, in Deutschland sogar nur bei etwa 12 Prozent. In den Ländern mit automatischer Voreinstellung lag sie dagegen bei nahezu 100 Prozent, in Österreich bei rund 99 Prozent. Das ist kein kleiner Unterschied, das ist ein anderer Planet. Und der einzige Grund dafür ist, in welche Richtung das Kästchen schon vorausgefüllt war. Die Menschen waren nicht spendabler oder weniger spendabel, sie folgten nur dem, was ohnehin schon eingestellt war.
Warum ist das so mächtig? Weil eine Entscheidung Energie kostet, und unser Kopf gern spart. Die Voreinstellung nimmt uns diese Arbeit ab, sie wirkt wie eine stille Empfehlung dessen, was wohl das Normale und Richtige ist. Wer nichts ändert, muss nichts verantworten, also bleibt fast jeder beim Standard. Dazu kommt die Bequemlichkeit, denn jeder zusätzliche Klick, jedes zusätzliche Kreuz ist eine kleine Hürde, an der Menschen hängenbleiben. Die Voreinstellung entscheidet nicht, weil sie überzeugt, sondern weil sie der Weg des geringsten Widerstands ist.
Kurze Challenge
In der Studie von Johnson und Goldstein: Wie hoch war die Zustimmung zur Organspende in Österreich, wo man automatisch dabei ist und aktiv widersprechen müsste?
Johnson und Goldstein verglichen Länder mit aktiver Zustimmung (Opt-in) und automatischer Voreinstellung (Opt-out) zur Organspende. In Opt-in-Ländern lag die effektive Zustimmung bei rund 15 Prozent (Deutschland etwa 12 Prozent), in Opt-out-Ländern bei nahezu 100 Prozent (Österreich rund 99 Prozent). Der einzige relevante Unterschied war die voreingestellte Standardoption.
Quelle: Johnson, E. J., & Goldstein, D. (2003), Do Defaults Save Lives?, Science 302(5649), 1338-1339Für deinen Berufseinstieg im Vertrieb steckt darin eine entscheidende Lektion über das Verhalten lenken. Du verkaufst nichts und überredest niemanden, du nimmst Kontaktdaten auf und machst dem Menschen seine Entscheidung leicht. Genau hier hilft dir der Default. Biete nicht zehn offene Möglichkeiten an, sondern eine klare Standard-Option, die du empfiehlst, etwa ein konkreter Termin am Dienstagvormittag statt der Frage, wann es denn irgendwann mal passen würde. Du lässt jede Tür offen, aber du machst den einfachen Weg sichtbar.
Das gilt für jeden kleinen Schritt im Gespräch. Wenn du fragst, ob jemand erreichbar ist, schlag eine konkrete Uhrzeit vor statt eines leeren Feldes. Wenn du Daten aufnimmst, hak die naheliegende Option schon vor und lass sie bestätigen oder ändern. Wenn du einen nächsten Schritt anbietest, benenne den üblichen Weg, statt die Person ratlos vor einer leeren Auswahl stehen zu lassen. Du zwingst niemanden, du nimmst nur die Last der Entscheidung von den Schultern. Wer es leicht hat, sagt leichter Ja, und genau das ist der Kern eines guten Defaults.
Am Ende kannst du den Effekt auch auf dich selbst anwenden. Setz dir eigene gute Voreinstellungen, damit nicht jeder Arbeitstag eine neue Verhandlung mit dir selbst wird. Lege fest, dass der Vormittag immer der Telefonzeit gehört, statt jeden Tag neu zu entscheiden, ob du heute Lust hast. Mach die ersten zwanzig Kontakte zur Standardeinstellung, an die du dich einfach hältst. Voreinstellungen lenken nicht nur andere, sie lenken auch dich, und wer seine eigenen Defaults klug wählt, muss sich seltener überwinden und kommt verlässlicher ins Tun.

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