Studierende sollten schätzen, wann sie ihre Abschlussarbeit fertig hätten. Sie waren nicht naiv, sie kannten ihren Stoff, ihre Geschwindigkeit, ihren Alltag. Trotzdem lagen sie reihenweise daneben, und nicht ein bisschen. Wer für etwas planst, plant fast immer zu knapp. Und das Verrückte ist: Selbst wer das schon hundertmal erlebt hat, macht es beim nächsten Mal wieder. Kennst du das Gefühl, ehrlich gerechnet zu haben und am Ende doppelt so lange zu brauchen?
Genau das haben Roger Buehler, Dale Griffin und Michael Ross 1994 untersucht und dem Phänomen einen Namen gegeben: den Planungsfehlschluss. In einer ihrer Studien sollten Studierende ein eigenes akademisches Projekt einschätzen. Im Schnitt sagten sie voraus, in rund 34 Tagen fertig zu sein. Tatsächlich brauchten sie im Schnitt etwa 55 Tage, also gut zwei Drittel länger als geplant. Nur etwa jeder Dritte wurde bis zu dem Termin fertig, den er selbst genannt hatte.
Das Bittere daran: Die Leute haben sich nicht aus Faulheit verschätzt. Sie haben falsch gedacht. Wenn wir planen, malen wir uns den idealen Ablauf aus. Wir stellen uns vor, wie wir uns hinsetzen, konzentriert arbeiten und einen Schritt nach dem anderen abhaken. Was wir dabei ausblenden, ist alles, was dazwischenkommt. Der kranke Kollege, die Rückfrage, die drei Tage liegen bleibt, der Tag, an dem nichts läuft. Wir planen für die perfekte Welt und leben in der echten.
Noch ein Punkt macht es schlimmer. Unsere eigene Vergangenheit hilft uns kaum, weil wir sie ausblenden. Du weißt eigentlich, dass die letzte Akquisewoche länger gedauert hat als gedacht. Aber beim Planen der nächsten denkst du nicht an die letzte, sondern an den glatten Ablauf in deinem Kopf. Buehler und Kollegen zeigten genau das: Erinnern sich Menschen bewusst an frühere, ähnliche Aufgaben und wie lange die wirklich gedauert haben, werden ihre Schätzungen ehrlicher. Deine eigene Erfahrung ist die beste Bremse gegen den Optimismus, wenn du sie überhaupt zu Wort kommen lässt.
Kurze Challenge
In der Studie von Buehler und Kollegen: Wie viele Prozent der Studierenden wurden bis zu dem Termin fertig, den sie selbst geschätzt hatten?
In einer Studie von Buehler, Griffin und Ross (1994) sagten Studierende voraus, ein eigenes akademisches Projekt im Schnitt in rund 34 Tagen abzuschließen, brauchten aber tatsächlich im Schnitt etwa 55 Tage (gut zwei Drittel länger). Nur rund 30 Prozent wurden bis zu dem Termin fertig, den sie selbst geschätzt hatten.
Quelle: Buehler, R., Griffin, D., & Ross, M. (1994), Journal of Personality and Social Psychology 67(3), 366-381Im Vertrieb schlägt dieser Fehler doppelt zu. Du nimmst dir vor, in zwei Wochen deine Region durchtelefoniert zu haben, und nach zwei Wochen bist du bei der Hälfte. Du planst zehn Termine am Tag und schaffst sechs, weil Anfahrt, Wartezeit und Nachbereitung in deiner Rechnung fehlten. Das frustriert nicht, weil du schlecht arbeitest, sondern weil dein Plan von Anfang an unmöglich war. Ein Ziel, das du strukturell nie erreichen kannst, fühlt sich jeden Tag wie ein kleines Scheitern an, obwohl du dich anstrengst.
Du kannst dem aber sauber entgegenarbeiten. Erstens, schätz nicht aus dem Bauch, sondern schau zurück: Wie lange hat dieselbe Routine letzte Woche wirklich gedauert? Diese Zahl ist ehrlicher als jedes Bauchgefühl. Zweitens, zerleg große Vorhaben in kleine Schritte und schätz jeden einzeln, denn beim Ganzen unterschätzt du stärker als bei den Teilen. Drittens, plane einen Puffer ein, nicht als Faulheit, sondern als Realismus. Eine grobe Faustregel aus den Daten: Rechne lieber das Anderthalbfache deiner ersten Schätzung, dann liegst du näher an der Wahrheit.
Realistisch zu planen ist keine Schwäche, sondern ein Vorteil. Wer seine Zeit ehrlich einschätzt, sagt verbindlichere Termine zu, hält sie ein und wirkt dadurch verlässlich, beim Kunden wie beim Team. Du verkaufst im Job nichts, du nimmst Kontaktdaten auf, aber auch dafür brauchst du einen Plan, der trägt. Lieber sagst du, du brauchst drei Wochen, und bist nach zweieinhalb fertig, als umgekehrt. Plane für die echte Welt, nicht für die in deinem Kopf, dann arbeitet die Zeit für dich statt gegen dich.

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Kahneman erklärt den Planungsfehlschluss ausführlich und zeigt, warum wir beim Schätzen unsere eigene Erfahrung ausblenden und wie ein Blick auf vergleichbare Fälle uns davor schützt.
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