Es ist 9 Uhr morgens. Auf deinem Bildschirm wartet die Liste mit den zwölf Anrufen, die du heute machen solltest. Stattdessen checkst du noch schnell die Mails. Dann den Kaffee. Dann eben doch kurz das Handy. Plötzlich ist Mittag, und die Liste ist immer noch zwölf Namen lang. Kennst du das? Dann hör auf, dir selbst zu erzählen, du seist faul oder undiszipliniert. Die Wissenschaft sagt etwas anderes, und es ist viel hoffnungsvoller.
Eine Forscherin der University of Pennsylvania, Katherine Milkman, schaffte es jahrelang nicht regelmäßig ins Fitnessstudio. Bis sie sich einen simplen Deal mit sich selbst auferlegte: Ihre liebste Hörbuch-Reihe, die spannenden Schmöker, die sie nicht weglegen konnte, durfte sie ab sofort nur noch hören, wenn sie auf dem Laufband stand. Plötzlich wollte sie ins Studio. Nicht wegen des Trainings, sondern weil sie wissen wollte, wie die Geschichte weitergeht. Aus dieser Selbstbeobachtung wurde ein echtes Feldexperiment, 2014 veröffentlicht im Fachjournal Management Science.
Das Prinzip heißt Temptation Bundling, also Versuchungs-Kopplung. Du nimmst etwas, das du tun solltest, aber ewig aufschiebst, und verschweißt es fest mit etwas, das sofort Spaß macht, dir aber sonst ein schlechtes Gewissen bereitet. Das langweilige Sollte trifft auf das verlockende Will. Und auf einmal zieht das eine das andere mit. In Milkmans Studie funktionierte das so gut, dass die volle Treatment-Gruppe spürbar häufiger trainierte als die Kontrollgruppe.
Doch der eigentliche Clou kam zum Schluss. Selbst als der Effekt nach Wochen langsam nachließ, waren am Ende 61 Prozent der Teilnehmenden bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass man ihren Hörbuch-Zugang weiterhin auf das Studio beschränkt. Lies das nochmal. Sie zahlten freiwillig dafür, ihre eigene Freiheit einzuschränken. Warum? Weil sie gemerkt hatten: Wenn ich mir die Geschichte jederzeit gönnen kann, gehe ich nicht mehr trainieren. Die Selbstbindung war ihnen die Sache wert.
Kurze Challenge
Was machte in Milkmans Studie den Unterschied, damit die Teilnehmenden viel häufiger ins Fitnessstudio gingen?
In einem randomisierten Feldexperiment trainierte die Gruppe, deren verlockende Hörbücher exklusiv ans Fitnessstudio gekoppelt waren, rund 51 Prozent häufiger als die Kontrollgruppe. Am Ende zahlten 61 Prozent der Teilnehmenden sogar freiwillig dafür, sich diese Selbstbindung zu erhalten.
Quelle: Milkman, K. L., Minson, J. A., & Volpp, K. G. M. (2014). Holding the Hunger Games Hostage at the Gym: An Evaluation of Temptation Bundling. Management Science, 60(2), 283-299.Dass genau das gegen Aufschieben hilft, ist kein Zufall. Der Psychologe Piers Steel wertete 2007 für eine groß angelegte Übersichtsarbeit hunderte Studien aus und fand die wahren Treiber der Prokrastination heraus: Aufgaben, die unangenehm sind und deren Belohnung weit in der Zukunft liegt. Je ferner und blasser der Lohn, desto leichter gewinnt die Ablenkung von jetzt. Aufschieben ist also keine Charakterschwäche, sondern eine fast schon berechenbare Reaktion deines Gehirns auf eine schlecht gebaute Belohnungsstruktur.
Und genau hier kannst du eingreifen. Wenn der Lohn zu weit weg ist, holst du dir eine kleine, sofortige Belohnung in den Moment der Aufgabe und kettest sie fest daran. Der richtig gute Podcast nur beim Joggen. Dein Lieblingsgetränk nur während du das CRM pflegst. Die Serie nur beim Wäschefalten. Entscheidend ist die Exklusivität. Wenn du dir den Genuss auch sonst gönnst, verpufft der Sog. Du musst dich nicht zu mehr Willenskraft prügeln. Du baust dir eine Umgebung, in der die richtige Handlung von selbst die naheliegende wird.
Für den Berufseinstieg ist das Gold wert, besonders im Verkauf. Kaltakquise, Nachfass-Anrufe, sauberes Pflegen der Kontakte: lauter klassische Sollte-Aufgaben, unangenehm, mit verzögertem Lohn, leicht zu verschieben. Koppel deine ungeliebte Telefonstunde an etwas, das du nur dann bekommst, und sag deinem Team vorher, wie viele Calls du planst. Diese öffentliche Festlegung wirkt wie ein zweiter Anker. Wer Prokrastination als Konstruktionsproblem behandelt statt als persönliches Versagen, gewinnt genau die Aufgaben zurück, die sonst Tag für Tag liegen bleiben. Fang heute mit einer einzigen an.

Buch zum Thema
Du musst nicht von allen gemocht werden
Ichiro Kishimi, Fumitake Koga
Es zeigt, wie man Selbstsabotage und Aufschieben als Folge von Mustern statt fester Charakterzüge versteht und gezielt verändert.
Bei Amazon ansehenAnzeige · Affiliate-Link. Kaufst du über diesen Link, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich bleibt der Preis gleich.



