Es ist Dienstagnachmittag, das zwanzigste Gespräch des Tages, und du hörst wieder dieses kurze, harte "Nein, kein Interesse". Jetzt passiert etwas in deinem Kopf, in Sekundenbruchteilen, und du merkst es kaum. Eine Stimme sortiert dieses Nein ein. Sie sagt entweder "Ich bin einfach nicht gut darin, ich sollte das lassen" oder sie sagt "Dieser eine Mensch hatte heute keinen Bedarf, der Nächste sieht anders aus". Gleiches Nein. Völlig anderer Tag. Denn der eine greift gleich wieder zum Hörer, der andere starrt auf den Bildschirm und ist innerlich schon zu Hause.
Die Psychologie hat einen Namen für diese innere Stimme: Erklärungsstil. Gemeint ist das Muster, mit dem du dir schlechte Ereignisse erklärst. Pessimistisch klingt so: Die Ursache liegt in mir, sie bleibt für immer, und sie zieht sich durch alles. Optimistisch klingt genau andersherum: Es lag an dieser Situation, es ist vorübergehend, und es betrifft nur diesen einen Moment. Klingt nach Wortklauberei? Ist es nicht. Es ist der Unterschied zwischen "Ich kann nicht verkaufen" und "Dieser Pitch saß noch nicht". Der erste Satz nimmt dir die Kontrolle. Der zweite gibt sie dir zurück.
Dass das messbar ist, hat der Psychologe Martin Seligman zusammen mit Peter Schulman 1986 gezeigt, und zwar an Menschen, die täglich im Nein-Hagel stehen: Lebensversicherungsvertreter. Ein Beruf mit brutaler Abbrecherquote, in dem viele schon im ersten Jahr hinschmeißen. Seligman ließ neue Agenten einen Test machen, der ihren Erklärungsstil maß, und beobachtete dann, wer wie viel verkaufte. Das Ergebnis war kein kleiner Effekt. Die optimistisch denkenden Agenten verkauften deutlich mehr als ihre pessimistischen Kollegen, und sie kündigten viel seltener. Wer Rückschläge anders deutete, hielt länger durch und holte am Ende mehr raus.
Kurze Challenge
Kurz nachdenken
Denk an dein letztes echtes Nein, egal ob Absage, schlechte Note oder Korb. Welchen Satz hast du dir danach gesagt? War er intern, dauerhaft und allumfassend (\"Ich kann das nicht\") oder situativ und vorübergehend (\"Heute hat es nicht gepasst\")? Und wie würde der gleiche Moment klingen, wenn du ihn bewusst umformulierst?
In einer Studie mit Lebensversicherungsvertretern verkauften Agenten mit optimistischem Erklärungsstil deutlich mehr als ihre pessimistischen Kollegen und kündigten im ersten Jahr seltener.
Quelle: Seligman, M. E. P., & Schulman, P. (1986), Journal of Personality and Social Psychology, 50(4), 832-838Dahinter steckt ein Mechanismus, den Seligman vorher schon beschrieben hatte: erlernte Hilflosigkeit. Wenn du Misserfolg immer wieder dir selbst, deinem Charakter und unveränderlichen Gründen zuschreibst, lernt dein Kopf irgendwann eine fatale Lektion. Er lernt, dass Anstrengung sowieso nichts bringt. Und dann hörst du auf, es überhaupt zu versuchen. Im Vertrieb ist das tödlich, denn dort liegt das Ja oft erst hinter einer ganzen Reihe von Neins. Wer nach der dritten Absage innerlich kapituliert, erreicht die Person mit dem Ja nie. Sie wartet, aber er ruft sie nicht mehr an.
Jetzt die gute Nachricht, und sie ist groß: Dein Erklärungsstil ist kein Schicksal. Du wirst nicht als Optimist oder Pessimist geboren, du redest dich in das eine oder andere hinein, und genau das lässt sich umtrainieren. Der Trick ist, deine automatischen Gedanken nach einem Nein nicht einfach zu glauben, sondern sie zu verhören. Sagt dein Kopf "Ich kann das nicht", frag konkret zurück: Wirklich immer? Wirklich bei jedem? Oder war es dieser eine Kunde, an diesem einen Tag, mit dieser einen Laune? Meistens platzt die Übertreibung schon bei der ersten Nachfrage. Behandle Absagen außerdem wie Daten, nicht wie ein Urteil über deinen Wert. Aus zwanzig Gesprächen werden ein paar Ja, und jedes Nein schiebt dich statistisch näher ans nächste Ja heran.
Für den Berufseinstieg ist das vielleicht die wichtigste Sache überhaupt, gerade wenn du in Verkauf, Akquise oder Kundenkontakt startest. Am Anfang prasseln die Rückschläge nur so auf dich ein, weil dir Routine, Erfahrung und Netzwerk noch fehlen. Das ist völlig normal, es fühlt sich aber an wie ein Beweis, dass du nicht gemacht bist für den Job. Lies diesen Beweis nicht. Wer in dieser Phase jedes Nein als Stempel der eigenen Unfähigkeit nimmt, brennt aus, bevor er gut werden konnte. Wer es als ganz normalen Teil der Lernkurve einsortiert, bleibt dran. Und Dranbleiben ist im Vertrieb fast schon die halbe Miete. Die Frage ist also nie, ob du Neins bekommst. Du bekommst sie, jeden Tag. Die Frage ist nur, welche Geschichte du dir danach erzählst.

Buch zum Thema
Der Glücks-Faktor: Warum Optimisten länger leben
Martin E. P. Seligman
Seligman erklärt hier selbst, wie erlernter Optimismus und der Erklärungsstil funktionieren, also genau die Mechanik hinter diesem Artikel, und wie man sie trainiert.
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