Persönlichkeit

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Abfragen schlägt Lesen: So lernst du schneller und behältst mehr.

Zwei Einsteiger pauken dieselbe Produktbroschüre. Der eine liest sie viermal, der andere liest einmal und prüft sich danach selbst ab. Eine Woche später sitzt nur bei einem das Wissen wirklich.

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Stell dir den Montag deiner ersten Schulungswoche vor. Auf dem Tisch liegt der dicke Ordner mit Produktwissen, Preisen und den typischen Einwänden der Kunden. Der eine Neue macht es so, wie es sich richtig anfühlt: lesen, markieren, nochmal lesen, dann noch ein viertes Mal drüber. Der andere liest den Text genau einmal, klappt den Ordner zu und versucht dann, alles aus dem Kopf aufzuschreiben. Wer von beiden weiß eine Woche später im echten Kundengespräch noch, was drinstand? Die meisten tippen auf den Fleißigen, der viermal gelesen hat. Die Forschung sagt etwas anderes.

Henry Roediger und Jeffrey Karpicke von der Washington University haben genau das untersucht. Studierende lasen kurze Sachtexte und teilten sich dann in zwei Gruppen. Die eine las den Text immer wieder, die andere las einmal und legte stattdessen Abruf-Tests ab, also Aufschreiben aus dem Gedächtnis, ganz ohne Hilfe und ohne die Lösung danach zu sehen. Anschließend warteten die Forscher ab und prüften, was nach fünf Minuten, nach zwei Tagen und nach einer Woche noch hängen geblieben war. Der Ordner war für beide Gruppen derselbe, nur der Weg dorthin war anders.

Kurz nach dem Lernen, nach nur fünf Minuten, lag tatsächlich die Lese-Gruppe vorn. Das ist die Falle. Wiederholtes Lesen fühlt sich gut an, der Text wirkt vertraut, du hast das Gefühl, es sitzt. Doch dieses Gefühl trügt. Nach einer Woche drehte sich das Bild komplett. Die Gruppe, die sich selbst abgefragt hatte, erinnerte sich an 56 Prozent des Stoffes. Die fleißigen Wieder-Leser nur an 42 Prozent. Noch verblüffender: Wer sich abgefragt hatte, wusste nach einer Woche noch genauso viel wie die Lese-Gruppe schon nach zwei Tagen. Abfragen hatte das Vergessen spürbar ausgebremst.

Warum ist das so? Weil dein Gehirn nicht beim Aufnehmen am stärksten lernt, sondern beim Herausholen. Jedes Mal, wenn du etwas aktiv aus dem Gedächtnis ziehst, machst du genau die Verbindung stärker, die du später brauchst. Lesen ist passiv, dein Kopf nickt nur mit. Abfragen ist anstrengend, und genau diese Anstrengung ist der Punkt. Es fühlt sich härter an, weil dein Hirn arbeiten muss, und es behält mehr, weil dein Hirn arbeiten musste. Der unbequemere Weg ist hier der bessere.

Kurze Challenge

In der Studie von Roediger und Karpicke: Wie viel Prozent des Stoffes erinnerte die Gruppe, die sich selbst abgefragt hatte, nach einer Woche?

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56 % vs. 42 %behalten nach einer Woche: Abfragen schlägt Wieder-Lesen

In zwei Experimenten lasen Studierende Sachtexte und lernten danach entweder durch wiederholtes Lesen oder durch Selbst-Abfragen ohne Feedback. Nach fünf Minuten schnitt die Lese-Gruppe besser ab, doch nach einer Woche erinnerte die Abfrage-Gruppe 56 Prozent des Stoffes, die Lese-Gruppe nur 42 Prozent. Abruf-Tests verbesserten die Langzeit-Behaltensleistung deutlich, obwohl sich die Wieder-Leser subjektiv sicherer fühlten.

Quelle: Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006), Psychological Science 17(3), 249-255

Und jetzt der häufigste Denkfehler. Viele meinen, sie müssten den Stoff erst perfekt können, bevor sie sich testen. Genau falsch herum. Du fragst dich nicht ab, um zu beweisen, was du schon kannst, sondern um es überhaupt erst zu lernen. Es ist völlig in Ordnung, wenn beim ersten Abfragen die Hälfte fehlt. Die Lücken, die dabei auftauchen, sind keine Niederlage, sondern dein Lernplan. Sie zeigen dir schwarz auf weiß, was du beim nächsten Durchgang gezielt nachholst, statt blind weiterzulesen.

Für deinen Start im Vertrieb heißt das ganz konkret: Hör auf, die Produktinfos und die Einwand-Liste immer nur durchzulesen. Lies einen Abschnitt einmal aufmerksam, klapp ihn zu und schreib aus dem Kopf auf, was du behalten hast. Nimm dir die fünf häufigsten Einwände vor und sag deine Antwort laut auf, ohne nachzuschauen. Lass dich von einem Kollegen abfragen, oder mach Karteikarten mit der Frage vorne und der Antwort hinten. Erst danach gleichst du ab und füllst die Lücken. Das kostet anfangs mehr Mühe als gemütliches Lesen, aber es ist genau die Mühe, die sich auszahlt.

Das Beste daran: Dieser Trick kostet dich kein Talent und kein Geld, nur eine andere Gewohnheit. Wer im Kundengespräch souverän auf einen Einwand antwortet, ohne erst zu überlegen, wirkt sicher und kompetent, und Sicherheit überträgt sich auf den Kunden. Du musst nicht mehr Stunden investieren, du musst die Stunden anders einsetzen. Schließ den Ordner öfter und frag dich öfter selbst ab. Nicht das vierte Lesen bringt dich weiter, sondern das erste ehrliche Abfragen.

Make It Stick: The Science of Successful Learning von Peter C. Brown, Henry L. Roediger, Mark A. McDaniel

Buch zum Thema

Make It Stick: The Science of Successful Learning

Peter C. Brown, Henry L. Roediger, Mark A. McDaniel

Eines der Autoren ist der Studienleiter selbst, und das Buch übersetzt den Abruf-Effekt in konkrete, alltagstaugliche Lerntechniken statt in Theorie.

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